Location: Forum eikones, Rheinsprung 11, 4051 Basel
Organizer:
Andrea Kern (Leipzig), Larissa Dätwyler (Basel), Ralph Ubl (Basel)
Die moralischen Erwartungen an Künstler*innen haben in der Gegenwart an Gewicht gewonnen und werden mitunter gegen die künstlerische Autonomie aufgewogen. Rückblickend auf die europäische Moderne seit der Romantik zeigt sich indes, dass der Prozess der ästhetischen Autonomisierung nicht rundweg zur Entwertung moralischer Kategorien führte. Diese wurden vielmehr auf das Kunstwerk selbst übertragen, wie die Untersuchungen von Michael Fried, Stanley Cavell oder Robert Pippin zu Authentizität und (Selbst-)Betrug zeigen. Ein Kunstwerk als «falsch» zu bezeichnen, ohne dem Künstler damit notwendigerweise zu unterstellen, er habe es in betrügerischer Absicht angefertigt, ist ein genuin modernes ästhetisches Urteil. Es beruht auf zumindest zwei Voraussetzungen: Erstens, dass (Selbst-)Betrug bzw. Authentizität nicht an einzelnen Handlungen, sondern am gesamten Bildungsprozess des Subjekts hervortreten; und dass im Kunstwerk dieser Bildungsprozess zum Ausdruck kommt.
Wenn Subjektivität durch expressive Tätigkeit ausgebildet wird, wie Charles Taylor in «Sources of the Self» für die Moderne annimmt, so ist das je einzelne Werk nur eine Episode in diesem Prozess, der das Leben in seiner Totalität umfasst. Kunst wird so zur Lebensaufgabe. Gemeint ist damit aber nicht die Hingabe der Künstler*innen an die Kunst als Beruf und an ihre besonderen professionellen Fertigkeiten. Das Kunstwerk, obwohl immer auch ein Artefakt, bringt zugleich zum Ausdruck, was nicht als Fertigkeit gemeistert wird, sondern dem Subjekt vielmehr im Leben und der Kunstproduktion als Kraft widerfährt (vgl. Christof Menke, «Die Kraft der Kunst»).
Kunst als Lebensaufgabe fordert das Subjekt daher als ganzes, in seiner Totalität, d.h. sowohl als tätiges wie auch leidendes Wesen. Ob sie gelingt oder scheitert, ist dabei eine Frage, die sich nicht erst im Rückblick beantworten lässt – vom Standpunkt des abgeschlossenen Gesamtwerks und damit des Todes. Sie stellt sich vielmehr in der Mitte des Lebens vor jedem einzelnen Kunstwerk, insofern dieses seine Bedeutung vor dem Horizont der bereits vollendeten und der erst zu schaffenden Werke erhält.
Diese Perspektive auf das Kunstwerk wirb ein neues Licht auf die Frage nach dem Verhältnis von Ästhetik und Ethik. Denn sie legt nahe, dass die Idee einer genuin ästhetischen Betrachtung des Lebens, als eines Lebens in der Möglichkeitsform, wie Kierkegaard das Ästhetische deutet, der ethischen Betrachtung des Lebens nicht entgegensteht, sondern untrennbar mit ihr verwoben ist. Denn was auch immer das Kunstwerk darstellt, so bezeugt es doch die Suche nach einer Einheit, die sich dem Individuum mehr „zeigt“ als von ihm geschaffen wird. Iris Murdoch nennt dies die „Souveränität des Guten“. Der Workshop verfolgt das Ziel, diese hier knapp angedeuteten Zusammenhänge von Kunst und Leben, Ausdruck und Totalität in philosophisch-systematischer wie auch in kunsthistorischer Hinsicht näher zu bestimmen.
Anmeldung per Email an Larissa Dätwyler.
Vortragende
Stina Bäckström (Stockholm): Expression of character in life and in literature.
Larissa Dätwyler (Basel): Dieter Roths ‘Moral Luck’
Luca Illetterati (Padua): 'Die richtige Perspektive': Kunst als Erfahrung von Grenzen.
Andrea Kern (Leipzig)
Markus Klammer (Basel)
Rahel Villinger (Zürich): Umgang mit dem Nicht-Machbaren. Kunst bei Valéry
Barbara Wittmann (Berlin)
Ralph Ubl (Basel)
Heike-Karin Föll (Berlin) Diskutantin
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